VON DER HÖLLE BIS ZUM HIMMEL
DIE JENSEITIGE FÜHRUNG DES ROBERT BLUM
BAND 1

- Kapitel 114 -
Brunos Antwort aus dem Herrn. Beweis der Göttlichkeit der Lehre Jesu: ihre unerschöpfliche Fülle und Mannigfaltigkeit


 
N
ach dieser klar gefaßten Rede unseres Gröblings wendet sich Bruno an Mich und bittet Mich um eine rechte Erleuchtung, damit er dem Redner und dessen Genossen einen wirksamsten Gegensatz entgegenstellen könne.
 
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Ich aber bedeute ihm: ,,Rede, und sorge dich nicht um die Worte! Auf deiner eigenen Zunge wirst du die rechte Entgegnung finden!"
 
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Auf diese Zusicherung wendet sich Bruno wieder an den Redner und sagt: ,,Freund, so du eine rechte Geduld und wahre Aufmerksamkeit besitzest, will ich deiner Aufforderung bereitwilligst entgegenkommen." - Spricht der Gröbling: ,,Nur zu! Daran soll es weder mir noch jemand anders aus dieser Gesellschaft fehlen. Aber nur nicht übers Alter Christi hinaus darfst du deine Rede dehnen!"
 
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Spricht Bruno: ,,Ganz wohl, liebe Freunde, meine Rede soll ganz kurz und gut sein. So vernehmet mich:
 
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Alle zeitlichen Gaben der Gottheit an die Menschen sind so gegeben, daß der unvollendete Mensch mit seinem Naturverstand, der die Gaben durchaus nicht zu würdigen versteht, an ihnen stets etwas zu tadeln hat. Dem einen scheint die Sonne im Sommer zu heiß, ihm wäre ein ewiger Frühling lieber. Einem andern ist der Winter entsetzlich lästig; ein ewiger Sommer wäre ihm bei weitem lieber. Einem ist das menschliche Leben zu kurz, dem andern oft bis zur Verzweiflung langweilig, daß er es sich selbst gewaltsam abkürzt. Wieder will einer, daß die ganze Erde ein fruchtbarer, fester Boden wäre, während ein Engländer das Meer noch ausgedehnter haben möchte, als es ohnehin ist. So wollen einige lauter Äcker, andere lauter Wiesen, wieder andere lauter Gärten, noch andere lauter Städte und Festungen. Und so tausend verschiedene Dinge! Ja, ich habe kaum je zwei Menschen kennengelernt, die auf ein Haar ein und dasselbe wollten.
 
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So können die Menschen aus Unzufriedenheit die göttlichen Gaben auch nicht belassen, wie sie gegeben sind, sondern wandeln diese stets nach Belieben und nach irdischen Bedürfnissen um. Die Tiere werden gefangen, geschlachtet und ihr Fleisch unter allerlei Zurichtungen verspeist. Die Bäume und Pflanzen werden versetzt und veredelt. Mit keiner Ordnung ist der Mensch zufrieden und macht sich selbst eine bessere. So wäre von Natur aus auch angezeigt gewesen, daß die Menschen nackt umherwandeln und sommers und winters unter freiem Himmel oder in Höhlen und Grotten kampieren sollen. Allein sie sind damit durchaus nicht zufrieden und machen sich deshalb mitunter sogar sehr luxuriöse Kleider und bauen sich allerlei Häuser und Wohnungen.
 
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Warum pfuschen denn die Menschen da in die erhabene Gottesschöpfung hinein und zeigen dadurch der Gottheit tatsächlich, daß sie mit der ersten, vom Schöpfer gestellten Ordnung durchaus nicht zufrieden sind? Ein Glück für die Gestirne des Himmels, daß sie von menschlichen Händen nicht erreicht werden können, sonst hätten sie schon lange eine andere Ordnung erhalten. Was läßt der Mensch wohl unangetastet, das er mit seinen Sinnen und Händen erreichen kann? Ich sage dir, nichts! Sollen aber alle Dinge auf der Erde darum nicht von Gott erschaffen worden sein, weil die ungenügsamen Menschen ihre Hände daran gelegt und manches sogar ganz umgestaltet haben? Freund, beantworte mir vorerst diese Frage, dann wollen wir von der Gotteslehre vernünftig und weise weiterreden!"
 
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Spricht der Redner: ,,Nun, die Sache läßt sich hören! Wie ich nun leise zu verspüren anfange, dürfte es dir wohl sogar gelingen, uns auch die Gottheit Christi begreiflich zu machen. Fahre nur weiter fort, denn es ist wahrlich interessant, dich in dieser Art reden zu hören!"
 
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Spricht Bruno weiter: ,,Gut, da ihr das von mir Gesagte einseht, will ich denn im Namen des Herrn die Sache Gottes vor euch weiter k u n d tu n :
 
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Mit der Lehre Gottes verhält es sich gerade so wie mit der anderen Schöpfung. Sie ist vor den Augen des Weltverstandes eine höchst unordentliche Torheit und der sucht da vergeblich jene feste Ordnung, die er natürliche Logik nennt. Wundertaten und moralische Lehren in zumeist mystischen Bildern sind nahezu wie Kraut und Rüben untereinander gemengt. Hier liest man ein Wundermärchen, dort einen Verweis. Auf einer andern Seite eine an und für sich zwar erlesenste Moral, aber sie hängt mit den anderen Gleichnissen und Begebnissen für den Weltverstand oft noch weniger zusammen als die ordnungsloseste Flora einer Bauernwiese. Das aber widerspricht in der Gotteslehre an die Menschen der göttlichen Ordnung dennoch nicht im geringsten, sondern bestätigt diese vielmehr. Denn eben dadurch zwingt die Gottheit die träge Natur der Menschen zum fortwährenden Denken und verschiedenartigen Suchen, um sich ordentlich zurechtzufinden in dem, was ihr anfangs in der Äußerlichkeit der Lehre gar so unordentlich und ohne alle Logik hingeworfen vorkommt.
 
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Was würdet ihr wohl von der Gottheit halten, wenn z.B. auf der Erde die Sache so eingerichtet wäre, daß auf bestimmten, mathemathisch scharf abgemarkten Plätzen nur eine bestimmte Fruchtgattung, auf anderen wieder eine andere fortkäme? Würde ein Hausvater eine andere als diese Fruchtgattung auf einer solchen Fläche ansäen und darauf nichts ernten - wie sähe es dann mit seinem Haushalt aus?
 
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Daher hat der weise Schöpfer nur dort eine unwandelbar feste Ordnung gestellt, wo sie notwendig und den Menschen heilbringend ist. Aber Dinge, mit denen sich der freie menschliche Geist zu beschäftigen hat, sind von Gott darum so bunt durcheinandergeschleudert, damit an ihnen der Geist die beste Gelegenheit finden möge, sich daran zur Erreichung gewisser Vorteile zu üben - um dadurch jene Fertigkeit und Kraft sich zu eigen zu machen, die hier in dieser reinen Geisterwelt die eigentliche liebtätige, ewige Existenz bedingt.
 
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Die Gotteslehre ist so gegeben, daß jeder Geist aus ihr seine ihm zusagende Nahrung saugen, sich ernähren, dadurch wachsen und zur Vollendung gelangen kann.
 
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Wie auf dem Erdboden zwei verschiedene Pflanzen recht gut nebeneinander fortkommen und ihre Reife erlangen können, ebenso können auch aus derselben Gotteslehre mehrere, konfessionell noch so verschieden gestellte Geister ganz ungehindert ihre geistige Vollendung erlangen.
 
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Daß aber keine Lehre auf der ganzen Welt eine solche Menge Kultusarten zuläßt wie eben die Gotteslehre Jesu Christi - ist ein Hauptbeweis für die Göttlichkeit dieser Lehre und ihres erhabensten Verkünders und Stifters! Wäre diese Lehre ein Menschenwerk, wie etwa ein aus Holz nachgebildeter Baum, so könnte niemand aus ihr irgendeinen Zweig weiterverpflanzen. Da aber die Lehre aus dem Gottesmunde Christi kein durch Menschenhände künstlich geschnitzter, sondern ein mit aller Lebenskraft von Gott Selbst gepflanzter Baum ist, so geschieht es denn, daß seine Pfropfreiser (Konfessionen) überall grünen und bei richtiger Pflege auch unfehlbar gute Früchte zum Vorschein bringen.
 
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Betrachtet dagegen menschliche Lehren, z.B. die Philosophie, die Mathematik und dergleichen mehr: sie sind wie eine Maschine, die nur unter einer bestimmten Form und Einrichtung die stets gleiche Wirkung hervorbringt. In der Mathematik ist auf der ganzen Welt ohne alle Sektiererei zwei mal zwei gleich vier. Ein Aristoteles läßt nur eine Sekte, nämlich die rein aristotelische zu, ebenso ein Wolf, ein Leibniz, ein Fichte, ein Kant und ein Hegel; denn sie alle pflanzten nur tote Bäume!
 
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Nicht so verhält es sich mit der Gotteslehre Christi. Jeder verpflanzte Zweig faßt Wurzeln, grünt fort, wächst bald zu einem Lebensbaum und trägt Früchte. Und das ist der gewichtige Unterschied zwischen einem Gotteswerk und dem toten Werke eines Menschen. Zugleich auch der größte Beweis für die unleugbare Göttlichkeit einer Lehre, die unter den verschiedenartigsten Kultformen bei guter und gewissenhafter Pflege stets dieselben Lebensfrüchte trägt.
 
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Habt ihr aber noch irgend etwas dagegen einzuwenden, so steht es euch frei! Ich werde euch im Namen des Herrn keine erläuternde Antwort schuldig bleiben."