DIE GEISTIGE SONNE
BAND 1

Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits

- Kapitel 5 -


 
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enn ihr je auf einem hohen Berge eine Zeitlang verweilen würdet, und das an einem vollkommen schönen und reinen Tage, was würdet ihr da wohl bemerken? Mancher aus euch würde wohl eine Zeitlang ganz entzückt sein, denn das großartige romantische Naturgemälde würde durch seine vielfach abwechselnden Formen einen hinreichenden Stoff zur erheiternden Betrachtung bieten. Ein anderer würde aber dabei ganz anders denken und würde aus diesen seinen Gedanken sagen: Was, ist denn das so etwas Außerordentliches? Man sieht weit und breit, was denn? Nichts als einen Berg um den anderen; mancher ist höher, mancher wieder niederer; hier und da sind die höchsten Spitzen überschneit, auf einigen anderen Punkten ragen wieder einige plumpe Felsspitzen empor, und diejenigen Berge, die am weitesten davon entfernt sind, nehmen sich darum auch am passabelsten aus, während die näheren nichts als Spuren über Spuren der stetigen Zerstörung aufzuweisen haben. Das ist das immerwährende Einerlei dieser berühmten Gebirgsaussicht. Ein Dritter befindet sich auch in der Gesellschaft auf der hohen Bergesspitze. Dieser, wie ihr zu sagen pfleget, ein Hasenfuß, bereut schon nahe weinend, daß er sich solch eine Mühe genommen hat, die Gebirgshöhe zu besteigen. Fürs erste, sagt er, sieht er hier nichts anderes als auf einem gesunden ebenen Boden in der Niederung, fürs zweite friere es ihn noch obendrauf für solche Strapaze, und fürs dritte möchte er vor Hunger in die Steine beißen, und wenn er gar noch bedenkt, daß er den schauerlichen Rückweg wird machen müssen, so fangen ihm alle Sinne zu schwinden an.
 
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Hier hätten wir also drei Gebirgsbesteiger. Warum findet der erste für sein Gemüt so viel Erhebendes, der zweite nichts als abstrakte plumpe Formen, und der dritte ärgert sich sogar, für solchen Spottpreis sich eine solche Mühe gemacht zu haben? Der Grund liegt einem jeden sehr nahe, weil er in ihm selbst liegt. Wie denn also? Der erste ist mehr lebendigen und geweckten Geistes; nicht die Formen und der Berge hohe Zinnen sind es, die ihn selig stimmen, sondern diese Stimmung ist ein Rapport des höheren Lebens in entsprechender Form über solchen hohen Bergen. Denn wir haben schon bei anderen Gelegenheiten zur Genüge vernommen, welch ein Leben sich auf den Bergen kündet. Und eben von diesem Leben hängt ja das Wonnegefühl desjenigen Besuchers der Höhen ab, welcher selbst mit geweckterem und lebendigerem Geiste dieselben betritt. Der Geist des anderen ist noch in tiefem Schlafe, darum gewahrt er auch nichts anderes, als was seine fleischlichen Augen sehen und sonach sein irdisch trockener Verstand bemißt. Wenn ihr ihn zahlet und gebet ihm dann seinen Kenntnissen als Geometer angemessen mathematische Meßwerkzeuge in die Hand, so wird er euch auf alle Gebirgsspitzen hinaufklettern und ihre Höhen recht wohlgemut bemessen. Ohne diesen Hebel aber dürfte es euch kaum gelingen, ihn wieder auf eine Gebirgsspitze hinaufzubringen. Was den Geist des dritten betrifft, so läßt sich davon nahe gar nichts reden, denn bei ihm lebt nur der Tiermensch, der alle seine Seligkeit im Bauche findet. Wollet ihr ihn wieder einmal auf eine Gebirgshöhe bringen, müßt ihr fürs erste dafür sorgen, daß er ohne alle Beschwerde hinaufkommt, und fürs zweite, daß er in der Höhe etwas Gutes zu essen und zu trinken bekommt. So wird er auch noch einmal eine Gebirgshöhe besteigen, wenn schon nicht mit eigenen, so doch mit den Füßen eines wohlabgerichteten Saumtieres. Da wird er sagen: Bei solchen Gelegenheiten bin ich schon dabei, denn die Gebirgsluft ist vermöge ihrer Reinheit der Verdauung ja viel günstiger als die dumpfe Luft der Täler.
 
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Sehet, aus diesem Beispiel können wir die große und wichtige Lehre ziehen, welche genau auf unsere einfache geistige Sonne paßt. Und diese Lehre stimmt auf ein Haar genau mit dem Text des Evangeliums überein, welcher also lautet: wer da hat, dem wird es gegeben, daß er in der Fülle besitze, wer aber nicht hat, der wird noch das verlieren, was er hat. (Matth.13,5.) In diesem Schrifttext steckt noch ein anderer, der mit dem obigen Beispiele noch mehr übereinstimmt, und dieser Text lautet also: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge; denn siehe, es ist in euch! (Luk.17,21.) Merket ihr jetzt, was es mit der einstweiligen Einfachheit der geistigen Sonne für eine Bewandtnis hat? Ihr saget: Wir merken zwar etwas, aber noch nicht völlig klar, was damit gesagt und angezeigt sein soll. Ich aber sage euch: Nur eine kleine Geduld, und die Sache wird sogleich mit wenig Worten so klar wie die Sonne am hellen Mittage leuchtend auftreten. Warum sahet ihr die geistige Sonne also einfach? Weil ihr nur die eigentliche Außenseite gesehen habet. Ich aber sage euch: Es gibt auf derselben eine unendlich großartige und wunderbare Mannigfaltigkeit, von der ihr euch bis jetzt durchaus noch keinen Begriff machen könnet. Diese Mannigfaltigkeit liegt aber nicht auf der geistigen Sonne, sondern sie liegt im Inwendigen der Geister. Wenn ihr somit dieselben erblicken wollet, da müsset ihr mit reingeistigen Augen in die Sphäre eines oder des andern seligen Geistes blicken, und ihr werdet die sonst einförmige geistige Sonnenwelt alsbald in zahllose Wunder übergehen sehen. Denn solches müßt ihr wissen, daß wohl jedem Geiste eine und dieselbe Unterlage gegeben wird, welche da ist pur Meine Gnade und Erbarmung, und diese spricht sich gleichmäßig in der von euch geschauten geistigen Sonne aus. Was aber dann die Ausstaffierung dieser gegebenen Unterlage betrifft oder die eigentliche bewohnbare Welt für den Geist, so hängt diese lediglich von dem Inwendigen eines Geistes ab, welches da ist die Liebe zu Mir und die aus dieser Liebe hervorgehende Weisheit. Damit ihr solches noch klarer ersehen möget, will Ich euch noch ein recht anschauliches Beispiel hinzufügen. Einer oder der andere aus euch befände sich auf irgendeinem weiten ebenen Felde; auf diesem Felde trifft er nichts als in der Mitte einen Baum, unter dessen Schatten ein üppiges Gras wächst. Auf dieses Gras legt sich der Wanderer nieder, schläft ruhig ein und stärkt sich dadurch. Aber in diesem süßen und stärkenden Ruhezustande hat sich ein wunderbarer Traum seiner bemächtigt. In diesem Traume ist der einsame und einfache Wanderer in den herrlichsten Palästen mit lauter Fürsten beschäftigt, verkehrt mit ihnen und genießt dadurch eine überaus große Seligkeit. Ich frage euch nun: Wie kommt denn dieser Mensch auf diesem öden leeren Felde zu solch einer innern Gesellschaft?
 
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