DIE GEISTIGE SONNE
BAND 1

Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits

- Kapitel 44 -


   
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Ihr habt sicher nicht Unrecht; dessen ungeachtet aber verdient doch auch solch ein großartiger Palast in dieser Gegend hier seine Beachtung. Sehet nur einmal einen recht an, wie er da erbaut ist aus glänzend weißem Gesteine und hat vollkommen sieben Stockwerke, wovon ein jedes Stockwerk eine Höhe von dreißig Ellen hat. Ein jeder Palast hat vier vollkommene Fronten, und eine jede Front der Reihe nach besteht aus siebzig großen Fenstern, von denen jedes von dem andern sieben Ellen absteht. Aus jeglichem Fenster dringt ein Licht wie das der Sonne, und eine jede Front ist rings herum vor den leuchtenden Fenstern, und zwar an allen Stockwerken, mit einem Säulengange verziert, welcher also leuchtet, als wäre er vom reinsten, polierten, durchsichtigen Golde. Das Dach eines solchen Palastes sieht aus, als wäre es eingedeckt mit großen Diamanttafeln. Um diesen großen Palast ist dazu noch ein verhältnismäßig großer Prachtgarten angelegt, in welchem ihr Tausende und Tausende der wunderbarst herrlichen Blumen erschauet, und wieder Tausende und Tausende von aller Art der herrlichsten Fruchtbäume. Zwischen den Blumen und Fruchtbäumen erblicket ihr in allen Farben glänzende Pyramiden. Die Spitzen der Pyramiden sehet ihr mit großen, stark leuchtenden Kugeln geziert. In der Höhe dieser Kugeln erblicket ihr etwas wie eine Krone, aus deren Spitzen Quellen springen, und zwar, wie ihr sehet, so hoch in die glanzvollen Lüfte empor als da euer Auge reicht. Die kleinen Tropfen vergrößern sich in dieser Glanzluft und sinken dann in allen Farben und in der schönsten Ordnung wieder majestätisch langsam in den Garten herab und verflüchtigen sich in demselben, in die mannigfaltigsten himmlischen Wohlgerüche sich auflösend.
 
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Ihr saget: Lieber Freund, beim Anblicke dieses Wesens vergehen einem ja alle Sinne; wahrlich, so etwas Vollkommenes kann ein sterblicher Mensch nicht einmal ohne plötzliche Lebensgefahr ansehen, geschweige erst, sich etwas Ähnliches denken! Dieses weibliche Geistwesen ist wahrhaftig über alle menschlichen Begriffe, man könnte sagen, beinahe mehr denn himmlisch schön! Welche endlos erhaben süße Freundlichkeit im Gesichte, welche endlose Weichheit der Form und herrlichste Färbung des Gesichtes! Das glänzend hellblonde, reichliche Haar, auf dem übersinnlich schönen Haupte eine glänzende Krone wie aus den herrlichsten Diamanten, das glänzende himmelblaue Kleid mit blaßroter Verbrämung; ach, wie harmonisch herrlich ist dieses alles! - Wir sehen auch den einen Arm, über welchem dieses herrliche Kleid mittels einer allerschönsten Agraffe in Falten zusammengezogen ist. Welch eine Rundung und Harmonie in diesem Arme! Er scheint so weich wie ein sanfter Hauch der schönsten Frühlingsmorgenröte! Und, o lieber Freund, da erblicken wir ja auch, entgegengesetzt dem Arme, den wir sehen, dieses Engelweibes Fuß bis über das Knie. Wahrlich, solch ein Anblick ist zu viel, selbst für ein geistiges Auge; denn die harmonische Weichheit und Vollkommenheit ist hier ja unaussprechlich. Wahrlich, nur einem Gott kann es möglich sein, solch eine unaussprechliche Harmonie darzustellen! Und, lieber Freund, wir ersehen noch eine große Menge solcher himmlischer Herrlichkeiten im lichten Hintergrunde; wahrlich, in solch einer Gesellschaft ein mitseliger Bruder zu sein, wäre der Seligkeit denn doch etwas zu viel!
 
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In diesem vor uns stehenden Palaste aber wohnen schon ursprünglich Christgläubige, und zwar aus der Sekte der Kalviner. Drei unter ihnen waren auf der Welt reich; diese sind aber hier eben nicht die reichsten, sondern gehören mehr zu der dienenden Klasse. Die ersten beiden aber, die ihr am Tore erblickt habt und noch dort erschauet, waren gar armselig auf der Erde. Er war ein Alpenhirte in der Schweiz, und sie war ebenfalls eine allerunansehnlichste Kuhmagd. Mit der Zeit lernte dieser fromme Hirte die guten christlichen Eigenschaften der Magd kennen und hat diese dann nach seiner Konfession zum Weibe genommen. Dieses Paar lebte überaus züchtig miteinander bis zur letzten Stunde. Sie hatten auch etliche Kinder. Diese erzogen sie streng nach ihrer christlichen Konfession, und dieser Grund ward dann durch fünf Glieder treu beobachtet. Und so seht ihr hier, was selten der Fall ist, eine selige blutsverwandte Familie von Eltern, Kindern und Kindeskindern. Das vorige Paar ist somit auch das Urgroßelternpaar der ganzen Familie. Die drei Geringeren in dieser Gesellschaft sind zwar auch Verwandte dieser Familie; aber sie sind von solcher Art, welche durch irdische Glücksumstände sich weltlich emporgehoben haben und dadurch zu ansehnlichen und reichen Menschen geworden sind. Durch solchen irdischen Reichtum und irdisches Ansehen haben sie auf der Welt auch viele Vorteile und Lebensbequemlichkeiten genossen, welche den anderen arm gebliebenen Familiengliedern fremd geblieben sind. Darum müssen sie hier eben auch so manches entbehren, was nun die ärmeren Familienglieder im vollsten Maße genießen können. Dessen ungeachtet sind sie hier dennoch auch für euch unaussprechlich glücklich, weil sie ihr weltliches Ansehen und ihren Reichtum zumeist zu guten Zwecken verwendet haben.
 
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