DIE GEISTIGE SONNE
BAND 1

Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits

- Kapitel 27 -


 
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er Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, bei dieser Frage ist eine gehörige Unterscheidung als vorangehend notwendig, um darauf eine gültige Antwort geben zu können. Vorerst muß der Begriff ,Liebe` vollkommen der Vernunft gemäß erörtert sein, dann erst wird man daraus ersehen können, wie sich solcher verhält zu sich selbst und zu alledem, was ihn umgibt. Der Begriff ,Liebe` ist nichts anderes und kann unmöglich etwas anderes sein als ein sich aussprechendes Bedürfnis, dessen Grund offenbar nichts anderes sein kann als der Mangel an dem, wonach sich das Bedürfnis ausspricht. Das Bedürfnis gleicht einem Hunger. Wenn ein Mensch einen starken Hunger hat, so hat er einen so ungeheuren Appetit, daß er in sich gewisserart eine Überzeugung trägt, er müsse wenigstens eine Welt verzehren, bis er sich seinen Hunger gestillt haben wird. Was aber sagt die wirkliche Erfahrung zu dieser phantastischen Vorstellung? Nichts anderes als: Du hungriger Mensch, verzehre nur ein einziges Pfund Brot, und du wirst hinreichend gesättiget sein! - Sehet, ein ganz ähnlicher Fall ist es mit dem mehr geistigen Bedürfnisse unter dem Begriffe ,Liebe`. Der liebehungrige Mensch ist der Meinung, er müsse den Magen seines Herzens mit der ganzen Unendlichkeit anfüllen, bis er gehörig gesättiget wird. Worin aber liegt der Grund dieses irrwähnigen Verlangens? Der Grund liegt in nichts anderem als in der Nichtsättigung des eigenen Erkenntnishorizontes, wodurch dann notwendigerweise eine Leere die andere nach sich zieht, ein Mangel den anderen, und somit ein Bedürfnis das andere. Die Liebe begehrt Sättigung. Da sie aber ein pur mechanisches Begehrungsvermögen des Geistes ist, so wohnt in ihr auch nicht die Fähigkeit, zu beurteilen, was es zur Sättigung begehren soll. Da sich aber eben durch dieses Begehrungsvermögen eine Leere in der Erkenntnis ausspricht, so kann da ja auch diese Erkenntnisleere, was ebensoviel als gar keine Erkenntnis heißt, den zu seiner Sättigung notwendigen Stoff nicht beurteilen. Bei solcher Gelegenheit wenden sich dann solche Hohlköpfe mit ihrem blinden Begehrungsvermögen freilich wohl an das Gebiet des Unendlichen und sind der Meinung, aus diesem ewigen Füllhorne werde ihnen das Mangelnde gleich den sogenannten gebratenen Vögeln in den Mund fliegen. - Wie leer aber solch eine wahrhafte Wahnmeinung ist, ist ja daraus mit den Händen zu greifen, daß solche ,Unendlichkeitsliebhaber` anstatt irgendeiner vollkommenen Sättigung nur einen stets größeren Hunger bekommen, was auch ganz natürlich ist, und zwar durch ein naturmäßiges Beispiel ersichtlich klar. - Nehmet ihr nur einen naturmäßig hungrigen Menschen, der voll Hungers neben einem Brotkorbe sitzt, dabei aber seinen Mund in den unendlichen Raum hin stets weiter und weiter aufsperrt und tut, als wollte er die ganze Erde, die Sonne und den Mond und das ganze gestirnte Firmament verschlingen, des Brotes aber an seiner Seite achtet er nicht. Da ist es ja dann offenbar, daß er mit solch einem Unendlichkeitsappetite von Stunde zu Stunde hungriger wird, und wenn er nicht bald nach dem Korbe greift, am Ende gar dem Verhungern preisgegeben ist. Aus diesem aber könnt ihr, meine geehrten Freunde, ja nun ohne weitere Erörterung gar leicht entnehmen, welch eine Bewandtnis es mit der sogenannten ,Gottesliebe` hat. Die wahre Gottesliebe kann demnach ja nichts anderes sein und in nichts anderem bestehen, als daß ein jeder gegebene Mensch den ihm gegebenen Horizont seiner Erkenntnisse erfüllen soll. - Diese Erfüllung aber kann unmöglich eher vor sich gehen, als dann nur, so der Mensch sich selbst und somit seinen ihm gegebenen Kreis erkannt hat. Um aber solches zu können, muß der Mensch sorgfältigst alle Hindernisse aus dem Wege räumen, sich von allen äußeren, kleinlichen Bedürfnissen lossprechen und dann sich in seinen eigenen Mittelpunkt begeben, von welchem aus es ihm dann erst möglich wird, seinen ganzen Horizont zu überblicken und diesen dann auszufüllen mit dem, was ihm gegeben ist. - Hat er das ausharrend, und in allem Albernen sich selbst verleugnend, zuwege gebracht, dann hat er auch seine Liebe oder sein begehrendes Bedürfnis vollkommen gesättigt. - Was er von alledem verdauen wird, das wird er leichtlich sobald mit der eigenen, ihm gegebenen Fülle ersetzen; und solches ist dann - vom Standpunkte der reinen Vernunft aus betrachtet - eine vollkommene und gesättigte Liebe, die sich nicht mehr als ein Hunger, sondern stets als eine erfreuliche Sättigung ausspricht. Sehet nun, das ist meine für meinen Horizont möglichst klarste Ansicht; könnt ihr jedoch derselben etwas einwenden, so könnt ihr, wie gesagt, solches ebenso frei tun, als wie frei ich jedem Einwurfe zu begegnen imstande bin.
 
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