DIE GEISTIGE SONNE
BAND 1

Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits

- Kapitel 14 -


   
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Sehet, wo immer eine solche Bahn von außen nach einwärts beginnt, da auch befinden sich ein sogenannter Bahnchef, ein Bahndirektor und noch eine ziemliche Menge anderer Helfershelfer. Sehet, wie sie alle außerordentlich ernste und ganz wichtige Mienen machen. Auf dem breiten Walle sehet ihr eine große Menge Menschen beiderlei Geschlechtes. - Sehet, wie dort bei einem Bahnanfange die sämtlichen Bahninteressenten und hauptsächlich der Bahnchef ihre Bahn als die allein richtige anpreisen und sagen: daher kommet alle! Diese Bahn ist die allein richtige, auf welcher ihr ganz sicher zu der Türe des Gezeltes und somit auch in das Gezelt selbst gelangen könnet wo ein unermeßlicher Preis euer harret! - Aber sehet, gleich der nächste nachbarliche Bahnchef schreit und sagt den Gästen: Lasset euch nicht anführen! Zahlet uns das viel billigere Bahngeld, denn unsere Bahn ist die älteste, somit auch approbierteste; auf ihr sind schon so viele Tausende und Tausende in das Gezelt gelangt und haben sich dort ihren hohen Preis abgeholt. Doch der erste Bahnchef erhebt sich sogleich, ganz gewaltig protestierend, und warnt auf das Allerdringendste die Gäste, den betrügerischen Lockungen des zweiten Bahnchefs zu folgen. Der zweite Bahnchef steht ganz erregt auf gegen solche Verunglimpfung und schreit mit gewaltiger Stimme: Ich sage nicht, daß ihr hierher gehen sollt; ich stelle es nicht eurem freien Willen anheim, ob ihr auf dieser meiner Bahn gehen wollt oder nicht, sondern weil ich wohl weiß, daß meine Bahn die älteste und alleinrichtige ist, so will ich euch bei den Haaren dazuziehen. Es ist traurig genug, daß man solchen Dummköpfen, wie ihr seid, solch ein namenloses Glück ordentlich mit Gewalt auf den Rücken nachwerfen muß! Wieder erhebt sich der erste Bahnchef und schreit über die Maßen: Folget nur diesem meinem Nachbar. Ihr wisset aber nicht, daß seine Bahn in der Nähe des Zeltes einen verborgenen und überdeckten Abgrund hat, in welchem ein jeder unwiederbringlich zugrunde geht, der diese Bahn wandelt. Bei solcher Äußerung erhebt sich der zweite Bahnchef noch gewaltiger, sendet, ohne ein weiteres Wort zu reden, seine Adjunkten hinauf auf den Wall, läßt von ihnen eine Menge gewaltsam zusammenfangen und sie auf seine Bahn hinziehen. Wenn sie den Bahnzins entrichten wollen, da tut er prahlerisch großmütig und sagt: Ich nehme von euch nichts an, sondern ich will nur euer Glück; und so wandelt denn diese meine Bahn. Ihr könnt laufen und langsam gehen, wie ihr wollt, und ich hafte euch mit allem dafür, daß ihr auf dieser meiner Bahn nirgends einen verderblichen Abgrund treffen, sondern alle wohlbehalten in das Zelt gelangen werdet. Nur mache ich euch das zur Bedingung, daß ihr ja nicht aus meiner Bahn tretet. Tretet ihr unvorsichtiger oder eigenmächtiger Weise aus derselben, dann stehe ich für nichts gut, denn auf jeder andern Bahn gelanget ihr statt in das Gezelt auf irgendeinen verdeckten Abgrund. - Und so sehet ihr denn die Menge fortwandeln.
 
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Aber sehet, daneben ist gleich wieder eine andere Bahn. Sie hat einen ganz griesgrämigen alten Bahnchef. Dieser hat eine förmliche Einnahmskasse vor der Bahn aufgerichtet. Er ladet zwar niemanden ein, aber wer dahin kommt und fragt ihn: Was ist das für eine Bahn, und führt sie wohl in das Gezelt? zu dem spricht der Bahnchef ganz leise und geheimnisvoll: Freund, es war noch keine Bahn als diese, und diese allein ist die älteste und verbindet sich mit der Pforte des Gezeltes. Willst du sie wandeln, so wird es dein Schade nicht sein; nur mußt du das Bahngeld, welches so und so viel beträgt, in feiner, klingender Münze bezahlen. Dafür aber bekommst du einen Wechsel gleichlautenden Wertes. Wenn du die Bahn richtig wandelst und dich am Wege nicht von einer andern verlocken läßt, so kommst du ohne weiteres ins Gezelt und machst somit den Haupttreffer. Solltest du dich aber doch verirren, so hast du dabei noch gute Hoffnung, denn mit diesem Wechsel in der Hand wirst du dennoch für deine hier eingelegte klingende Münze allzeit so und so viel an Interessen zu beziehen haben. Dieser Bahnchef, wie ihr sehet, hat einen sehr bedeutenden Zulauf von groß und klein, aber nicht etwa der Bahn wegen, sondern allein des reinen Geldgeschäftes wegen; daher strotzt er von Gold und Silber und allerlei Edelgestein. Was aber das Gezelt betrifft, um das bekümmert er, der Chef, sich sozusagen nicht im geringsten mehr, denn seine Sache sind nur Geldgeschäfte. Und so denn machen sich auch seine Bahnwandler eben nicht viel daraus, ob sie das Gezelt günstig erreichen oder nicht, denn sie haben ja die Wechsel in ihren Händen.
 
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Aber sehet ferner hin; da gibt es noch mehrere wenig betretene Bahnen. Ihre Bahnchefs werden von den Hauptbahnchefs gewisserart nur geduldet; daher sitzen diese auch ganz still bei ihren Bahnen. Kommt ein Wallfahrer zu einem oder dem andern, so ist es wohl und gut; kommt aber niemand, so lassen sie sich darum auch kein graues Haar wachsen. Sie stehen im Grunde nicht auf den Bahnertrag an, sondern sie unterhalten sich so ganz gemächlich mit ihren allerlei Krambuden, die sie bei ihren Bahnen aufgestellt haben. Werden sie von jemandem heimlich gefragt: Ist diese deine Bahn die richtige? so sagen sie ganz gleichgültig: Wenn diese nicht die richtige ist, welche soll es denn sein? - Und sehet, so ist diese Kreisbahnebene umlagert von lauter Bahnchefs, Großen, Schreienden, Beklagenden, Schweigenden, Heimlichtuenden; mit Ausnahme einer einzigen Bahn, welche nämlich die schmalste ist, findet ihr überall Wandler und Zielsucher. Da aber zu Ende alle Bahnen eingezäunt sind, so geschieht es, daß alle diese Bahnwandler am Ende an die Wand des Gezeltes anstoßen. Zur Türe gelangt keiner. Und so viele ihr eilig dahinwandeln sehet, ebenso viele werden an der schroffen Wand abgestumpft und suchen umkehrend wieder die Freiheit, indem sie durch ihr Bemühen nichts erreicht haben. Alles drängt sich hin zu jenem Bahnchef, der gegen klingende Münzen Wechsel ausstellt. Und sehet, sogar alle die übrigen Bahnchefs senden unvermerkt ihre Adjunkten mit Beuteln voll Silbers und Goldes hin und lassen sich von ihm dafür Wechsel ausstellen.
 
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