DAS GROSSE EVANGELIUM JOHANNES - BAND 3

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre

Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi

- Kapitel 200 -


   
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Sagt Schabbi, ein wenig verlegen: ,,Guter, erhabener Freund! Das Gesicht ist wohl zumeist ein Spiegel der Seele, - aber nicht immer! Ich habe einen Menschen gekannt, dessen Äußeres vollkommen einem allersanftesten und treuherzigsten Engel also glich wie ein gesunder Augapfel dem andern, und doch war das nur eine natürliche Maske, da eben der erwähnte Mensch seinem Gemüte nach ein vollendeter Satan in OPTIMA FORMA war! Dieser Mensch war wegen seiner schönen und sanften Gestalt sogar ein Günstling des Hofes und war auch in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften aufgeklärt wie ein schönster Frühlingsmorgen; aber sein Gemüt war schwärzer und finsterer als der erdichtete Styx der Heiden! Wehe jedem, der sich ihm je freundlich genähert hatte! Verloren war ein jeder! Das Weibervolk lief ihm wie besessen nach, obschon ihm jedes Weib, das sich ihm genaht hatte, so sicher als ein Schlachtopfer verfiel, als ein Regentropfen, den die Wolke nicht mehr halten kann, auf die Erde niederfällt! Aber er war stets der unschuldigste, sanfteste und reinste Mensch! Überall bewirkten alles nur unvorhergesehene Umstände; merkwürdig war es nur, daß die unglücklichen Umstände ihm selbst nie an den Leib konnten. Er kam überall mit ganz heiler Haut davon; nur die sich ihm genaht hatten, bekamen stets die schwerste Last auf Leben und Tod von den bösen Umständen zu verkosten! Oh, für seinen König war er der getreueste Diener, aber für jeden Untergebenen ein ganz wunderlieblicher Teufel!
 
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In der Königsstadt hatte ein reicher Grieche, der sich aber zu unserem Glauben bekehren ließ, ein junges, wunderschönes und gar enorm liebliches Weib, das ihrem Manne so treu ergeben war wie diese meine rechte Hand meinem Leibe und dem Willen meines Herzens. Es dauerte aber gar nicht lange, daß der anmutige Satan von einem Menschen Kunde von dem schönen Weibe erhielt und alsbald seine Wege danach einrichtete, auf denen er vom Weibe bemerkt wurde. Der Zufall wollte, daß der Grieche einmal mit einem echten Perser von Geburt und Sitte wegen einer verweigerten Rückzahlung einer ganz bedeutenden und vollrechtlichen Schuld, die der Perser bei unserem Griechen gemacht hatte, in widerliche Klagehändel geriet. Der Perser hatte seine gleichgesitteten Landsleute zu seinen Schiedsrichtern, und so konnte unser Grieche kein Recht über den treulosen und wortbrüchigen Perser erlangen. Da sagte einmal das Weib, das wohl wußte, daß jener schöne Höfling seine Augen schon öfter auf sie hatte fallen lassen: ,Wie wäre es denn, so wir etwa durch den schönen Höfling beim Könige für unser gutes Recht einen Schutz erwirkt fänden?` Der Grieche sagte: ,Ja, ich weiß es, daß er dir oft nachsieht mit sehr begehrlichen Augen, und es möchte ein Wort von dir oder mir viel vermögen, und steckte dahinter auch nichts als Entgelt denn eine total blinde Hoffnung; aber man hört von diesem schönen Höfling durchaus nichts Gutes! Ja, es wäre sogar besser, unter seiner Feindschaft als Freundschaft zu stehen! Wer sich mit ihm in einen noch so freundlichen Verkehr eingelassen hatte, kam ohne weiteres in ein großes Unglück! Mir scheint darum der Verlust unserer Forderung ein kleineres Übel zwischen den zweien zu sein, und wir werden besser tun, das erstere und kleinere Gott dem Herrn zum Opfer zu bringen.`
 
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